„Wohl dem daher, dessen Vorfahren ihm hohe Wälder, und einzeln stehende uralte Eichen, Buchen und Linden, diese stolzen Riesen unsres Nordens überlieferten, unangetastet von der mörderischen Axt. Er erblicke sie nie ohne Ehrfurcht und Freude, und halte sie hoch wie seinen Augapfel (...)“. – Hermann von Pückler-Muskau, „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“, 1834
Auf einer weitläufigen, malerischen Lichtung steht der wahre König des hiesigen Baumbestandes. Dieser monumentale Baum gehört zu den stärksten Stieleichen in ganz Polen. Obwohl kein einziges Exemplar im Park den offiziellen Status eines Naturdenkmals trägt – da das gesamte Areal als UNESCO-Welterbestätte unter Schutz steht –, tut dies dem majestätischen Charakter und der herausragenden Stellung der Eiche keinen Abbruch. Ihre Maße sind imponierend: Sie hat einen Stammumfang von über 8,5 Metern und eine Höhe von etwa 28 Metern. Experten schätzen ihr Alter auf nahezu 500 Jahre. Das bedeutet, dass sie lange vor der Geburt von Fürst Pückler keimte, der ihr später einen Namen und eine bedeutende Rolle in der Parkkomposition verlieh.
Die sehr breite, ausladende Krone zeugt davon, dass der Baum über den Großteil seines langen Lebens auf der offenen Fläche einer ehemaligen Weide und nicht in einem dichten, schattigen Wald wuchs. Parkhistoriker haben jedoch bis heute Schwierigkeiten, die genaue Identität dieses Exemplars zu klären. Auf den Karten des 19. Jahrhunderts erstreckte sich entlang des Weges nämlich eine Reihe von drei Bäumen, die als „Gruppe der Odin-Eichen“ bezeichnet wurden. Ihre Standorte sind auf den recht schematischen Plänen sehr unterschiedlich dargestellt. Aufgrund veränderter Wegeführungen, des Zuwachsens ehemaliger Lichtungen und des mutmaßlichen Verlusts einzelner Exemplare lässt sich kaum eindeutig bestimmen, welche der bis heute in diesem Teil des Parks erhaltenen Uralteichen zu den historischen Odin-Eichen gehören könnten. Diese Ungewissheit schmälert jedoch keineswegs die Bedeutung und Symbolik dieses Ortes.
Dabei handelt es sich schließlich um das Reich Odins – des nordischen Gottes des Krieges und der Krieger sowie zugleich Gottes der Weisheit, Herrschaft, Poesie und Magie. Die ehrwürdige Eiche scheint all diese Attribute in sich zu vereinen. Sie trägt deutliche Spuren der Zeit, die ihr ein äußerst erhabenes Erscheinungsbild verleihen. Den massiven Stamm bedecken zahlreiche Verdickungen, Maserknollen, Wulste, Moose und Flechten. Auf der Westseite klaffen am Stammfuß zwei stattliche Baumhöhlungen; das herausfallende Holzmehl ist das Ergebnis von Pilzen, die das Innere des Stammes zersetzen. Obwohl sein Kernholz langsam vermodert, gilt der allgemeine Gesundheitszustand des Baumes weiterhin als zufriedenstellend, und das Exemplar wird fortlaufend überwacht.